Lieber arbeiten anstatt erwerbstätig sein

Ist eine Erwerbstätigkeit immer gleich auch Arbeit? Oder sollten wir nicht viel mehr arbeiten, anstatt ständig nur erwerbstätig zu sein? Kinderbetreuung ist Arbeit. Soziales Engagement ist Arbeit. Aber bis 5 Uhr im Büro sitzen, bloß um anwesend zu sein? Ist das Arbeit?

Familienministerin Franziska Giffey meint: „Home Office und Home Schooling geht nicht zusammen. Das ist eine Lehre aus dem letzten Jahr.“ Ja, aber Pflegen und Home Schooling geht auch nicht zusammen. Kassieren und Home Schooling ebenfalls nicht. Genauso wenig wie Müllentsorgung und Handwerken nicht von zu Hause aus funktionieren und dementsprechend kein Home Schooling möglich ist. Hier könnte nun eine ewig lange Liste von Berufsgruppen folgen, die nicht einmal das Privileg haben überhaupt zu Hause bei ihren Kindern sein zu können, während diese nicht zur Schule gehen. Wer hier keine Verwandten, Freunde oder Eltern anderer Kinder hat, die die Betreuung übernehmen können, guckt schon den ganzen Winter ziemlich dumm aus der Wäsche. Dabei wäre das Kümmern um die Bildung der eigenen Kinder doch auch Arbeit. Viel mehr noch wäre gerade das Arbeit. Nämlich eine Tätigkeit, die Zeit beansprucht und Eigenleistung erfordert und gleichzeitig einen gesellschaftlichen Nutzen erfüllt.

Das wirkliche Problem liegt hierbei gar nicht in der Unvereinbarkeit von Home Schooling und Home Office. Das was sich hier zeigt, ist dieser unbedingte Zwang nach einer Erwerbstätigkeit, den dieses System in sich trägt und dabei doch keine Arbeit schafft. Und genau dieser systemische Zwang nach einer Erwerbstätigkeit erzeugt einfach ein absolut unflexibles und auf Krisen reaktionsunfähiges Wirtschaftssystem.

Tätigkeiten auf die wir eigentlich auch verzichten könnten nannte der am 02. September 2020 verstorbene Anthropologe David Gräber Bullshit Jobs. John Maynard Keynes sagte schon in den 1930ern voraus, dass in Industriestaaten bald nur noch eine 15 Stunden Woche existieren würde. Ganz Unrecht hatte er ja im Grunde nicht, unsere Industrialisierung und vor allem die Digitalisierung dieser maschinellen Abläufe ist so weit vorangeschritten, dass wir ohne weiteres mit 15 bis 20 Stunden Arbeit pro Woche unsere alltäglichen Bedürfnisse befriedigen könnten. „Es ist, als würde jemand da draußen sinnlose Jobs kreieren, bloß damit diese existieren“, schrieb Gräber. Gerade sein Vergleich mit dem Sowjet-„Sozialismus“ ist in diesem Bezug spannend. Hier war die Maxime ebenfalls: Arbeit ist einerseits ein Recht, dass jede*r einfordern kann und andererseits eine Pflicht, die jede*r zu erfüllen hat. Ähnlich verhält es sich derzeit mit unserem systemischen Zwang Geld erwerben zu müssen, mit genau diesen Bullshit Jobs. Es darf sich zwar jede*r, dank der Berufsfreiheit in Art. 12 GG die Erwerbstätigkeit frei wählen, aber niemand kann auf sie verzichten, wenn er*sie nicht vom Hartz-IV-System gegängelt werden will.

Dieser Gedanke der Bullshit Jobs beruht auf einer weltweiten Studie aus dem Jahr 2013. Gallup untersuchte damals weltweit das Engagement von Arbeitskraftgeber*innen am Arbeitsplatz. In Deutschland waren 24 % der Arbeitskraftgeber*innen „actively disengaged“. Diese sich „aktiv auskoppelnden“ Arbeitskraftgeber*innen sind Menschen, die in ihre jeweilige Tätigkeit mit Motivation und Tatendrang gestartet sind. Jedoch sahen sie in dieser Tätigkeit im Laufe der Ausübung immer weniger Sinn und verloren dadurch die anfängliche Motivation. Sie sehen oftmals keinen Nutzen für die Gesellschaft in dem was sie tun. Mit anderen Worten, ihre Tätigkeit ist aus ihrer eigenen Sicht heraus systemirrelevant.

Ständig müssen wir arbeiten, aber oftmals eben auch mit dem Gefühl, dass wir dabei systemirrelevant sind. Also eben nicht arbeiten, sondern nur Geld erwerben. Oftmals sogar nur durch bloße Anwesenheit. Wäre es nicht sehr viel angenehmer, wenn wir alle etwas tun würden, was uns auch systemrelevanter erscheint? Wäre es nicht sehr viel angenehmer für die Menschen, die jetzt schon systemrelevantes tun, wenn wir diese damit entlasten könnten? Wäre es nicht sehr viel angenehmer, wenn wir die Arbeit, die uns allen nutzt besser untereinander aufteilen?

Seit 1991 ist die durchschnittliche Arbeitszeit in Deutschland glücklicherweise rückläufig. Insgesamt fiel sie von 1991 bis 2019 von 38,4 Stunden auf 34,8 Stunden. Das sind 9,375 % (3,6 Stunden) weniger. Dahingegen betrug 1991 das reale BIP 2.044,38 Mio. € und 2019 waren es 2.978,18 Mio. €. Mit dem realen BIP wird die reale Wirtschaftsleistung bemessen, also das was die Wirtschaft auch tatsächlich de facto, nach herausrechnen von Preisschwankungen erwirtschaftet hat. Also das, was wir tatsächlich erwirtschaftet haben. 2019 hat Deutschland also real 933,8 Mio. € mehr Waren und Dienstleistungen erwirtschaftet als 1991. Das sind 45,68 % mehr. Wir arbeiten allerdings gerade einmal 9,375 % weniger. Natürlich ist diese enorme Wirtschaftsleistung vor allem technischem Fortschritt und effizienterem Arbeiten zu verdanken. Wieso allerdings müssen wir jedes Jahr noch mehr erwirtschaften?

Wir könnten doch auch unseren technischen Fortschritt und unsere steigende Effizienz dazu nutzen weniger Zeit in Erwerbstätigkeiten zu investieren. Dafür könnten wir dann unsere wirkliche Arbeit einfach mal besser aufteilen!

Zudem hätten wir sogar alle noch etwas mehr Freizeit.

Gerade jetzt während der Pandemie hätten wir in vielen Bereichen Arbeitskraftgeber*innen gebraucht. In den Gesundheitsämtern herrscht nicht erst seit Dezember Chaos, sondern schon viel früher wurde der Überblick über Infektionsketten verloren. Hier werden seit dem Sommer Menschen gesucht die aushelfen. Die WHO hat schon am 04. Februar 2020 einen Strategie Vorbereitungs- und Reaktionsplan veröffentlicht. Sie sagt, gerade Community Engagement hätte die Pandemie präventiv bekämpfen können. Beim Community Engagement werden freiwillige über das Virus und die Schutzmaßnahmen gebrieft. Mit diesem Wissen können sie dann in ihrer Community über das Virus aufklären und Vertrauen schaffen, um Desinformation vorzubeugen. Auch hier hätte man mit Sicherheit viele dieser vermeidlich ohne Erwerbstätigkeit „Arbeitslosen“ brauchen können. Dass gerade die Desinfomartionsvorbeugung gefehlt hat können unzählige Demonstrationen den ganzen Sommer über klar bezeugen!

Geld erwerben war nun mal wichtiger.

Ganz zu schweigen von den dramatischen Fallzahlen seit Dezember. Hier hätte mehr Vertrauen in die Maßnahmen geholfen. Vor allem aber leben wir in einer Demokratie. Menschen müssen nun mal auch Eigenverantwortung übernehmen. Diese Eigenverantwortung übernimmt man*frau allerdings oftmals sehr viel eher, wenn Menschen des persönlichen Vertrauens einem die Gefahren bewusst machen und nicht irgendeine vermeidliche Autorität. Das hätte allerdings viel Zeit gekostet für die Aufklärer*innen. Vor allem aber wäre es Arbeit gewesen.

Geld erwerben war auch hier nun mal wichtiger.


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